Gut gepflegte Aquarien mit ,,Zierfischen? sind Schmuckstücke in vielen Wohnzimmern, und die Fische erfreuen Halter und Gäste durch interessantes Verhalten und farbenprächtiges Aussehen. Diese Freude wird getrübt, sobald die Fische Anzeichen einer Erkrankung zeigen. Ratschläge zur Behandlung erkrankter Fische werden bei Zoohändlern, befreundeten Fischhaltern, Züchtern, Vereinskollegen oder aus Büchern eingeholt.
überall werden andere Rezepte angeboten, die dem aus der Bahn geworfenen Schützling helfen sollen. Angesichts des sich ständig verschlechternden Zustands der Fische werden zahlreiche Ratschläge befolgt, oft allerdings mit dem Erfolg, da? gerade die prächtigsten und seltensten Tiere nicht wieder gesunden und die Ursachen der Erkrankung im Dunkeln bleiben.
Die Beurteilung und die Therapie von Gesundheitsproblemen bei Aquarienfischen erfordern eine eingehende Ursachenforschung, denn das Halten und Pflegen von Fischen ist schwierig und verlangt nicht weniger Einsatz, als Besitzern von Hunden, Katzen oder anderen Heimtieren abverlangt wird. Zudem wurden in den letzten Jahren vermehrt neue, wenig bekannte Arten importiert, und es hat, obwohl das Angebot an Futter und Heilmitteln ständig gewachsen ist, kaum ernsthafte Anstrengungen zur Erforschung von Krankheiten bei Aquarienfischen gegeben. Dabei wäre das dringend erforderlich, denn viele Erkrankungen treten auf, weil die Lebensansprüche der Fische nicht ausreichend bekannt sind und deshalb in Aquarien nur unzureichend erfüllt werden können.
In Aquarien leben Fische in einer Umwelt, in der alle Komponenten vom Halter beeinflußt werden können und von ihm beobachtet werden müssen. Das eigentliche Lebenselement der Fische, das Wasser, bedarf einer besonderen Aufmerksamkeit: Verglichen mit den Heimatgewässern der Fische sind selbst große Aquarien von einigen hundert oder tausend Liter Fassungsvermögen kleine Pfützen. Hier sammeln sich Verschmutzungen schnell an, und Wasserparameter, wie der pH-Wert oder die Temperatur, unterliegen für die Fische ungewohnten Schwankungen. Im Wasser herrscht generell ein äußerst gemäßigtes Klima. Selbst in unseren Breiten mit starken Schwankungen der Lufttemperatur erfolgen Temperaturänderungen im Wasser nur langsam.
Aquarienfische aus tropischen oder subtropischen Gewässern mit nahezu konstanten Temperaturen sind deshalb starke Schwankungen der Wassertemperatur nicht gewohnt und werden dadurch sehr belastet. Aufgrund der Größe des Wasserkörpers in Seen und Flüssen machen sich Änderungen der chemischen Zusammensetzung des Wassers, wie der Wasserhärte des pH-Wertes oder des Nährstoffgehaltes, nur allmählich bemerkbar. Das hat zur Folge, da? die meisten Fische erstaunlich tolerant gegenüber vielen Wasserparametern sind und im Wasser höchst unterschiedlicher Qualität leben und sich fortpflanzen können. Häufige und starke Schwankungen der Wasserqualität führen aber fast zwangsläufig zu Stress und zu Erkrankungen.
In „sterilen" Aquarien ohne Bepflanzung und Bodengrund und mit einem bis an die Kapazitätsgrenze ausgelasteten Filter sind Wasserparameter oft nicht stabil. Zudem sollte beachtet werden, da? biologische Filter ein Lebensraum mit eigenen Gesetzen sind: Bakterien, die organische Verschmutzungen abbauen, wachsen langsam und sind auf einen gleichbleibenden Zustrom von Nährstoffen angewiesen. Neue Filter sind erst nach etwa vier bis sechs Wochen so weit mit Bakterien besiedelt, da? sie ihre Aufgabe als biologische Müllverwertung des Aquariums einwandfrei erfüllen. Bis zu diesem Zeitpunkt können im Aquarium schnell gefährlich hohe Konzentrationen von Ammonium oder Nitrit auftreten, wenn nicht regelmäßig kleinere Wassermengen ausgetauscht werden. Werden an Zentralfilter weitere Aquarien angeschlossen, brauchen die Bakterien ebenfalls einige Zeit, um sich so weit zu vermehren, da? die zusätzlich anfallenden Nährstoffe abgebaut werden können.
Bei guter Ernährung sind Fische den meisten Krankheitserregern gewachsen. Leider müssen viele Fische auf eine ausgewogene Ernährung mit einem vollständigen Gehalt an allen lebenswichtigen Nährstoffen verzichten.
Ihnen wird Futter geringer Qualität angeboten, in dem Vitamine, essentielle Aminosäuren, Spurenelemente und Ballaststoffe fehlen. Viele Aquarienfische leben ebenso wie manche Menschen: zu fett und mit zu vielen Kohlenhydraten. Untersuchungen in England und Deutschland zeigten, da? Insbesondere Vitamine (Vitamin C und B) für die Ernährung der Fische wichtig sind. Beim Mangel an Vitamin C ist die Widerstandskraft gegen Bakterien stark herabgesetzt. Noch fataler wirkt ein Mangel an Vitamin B: Der Appetit der Fische wird reduziert, was ihre allgemeine Konstitution noch weiter schwächt.
Laut Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (FAO) werden durch unzureichendes Futter bei Fischen schwere Krankheiten hervorgerufen. Da bei Nutzfischen zum Teil umfangreiche Untersuchungen hierzu vorliegen, konnten Krankheitserscheinungen wie Flossenschäden, Blutungen in Haut und Flossen, Leberverfettung, Glotzaugen, Erblinden, Abmagern und Deformationen des Skeletts auch auf den Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen, essentiellen Aminosäuren und Fettsäuren oder auf Vergiftungen durch verdorbenes Fischöl zurückgeführt werden. Diese Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Erschwerend kommt für den Fischhalter und den untersuchenden Tierarzt oder Wissenschaftler hinzu, da? durch Nährstoffmangel verursachte Erkrankungen erst offenbar werden, wenn das mangelhafte Futter über einen Zeitraum von mindestens sechs bis acht Wochen verfüttert wurde.
Da meistens erwartet wird, da? nährstoffarmes Futter Fische sofort schädigt, wird nach dem Offenbarwerden von Krankheitserscheinungen die Ursache in vielen möglichen Faktoren, nicht aber beim Futter gesucht. Erfahrene Aquarianer wissen natürlich da? durch soziale Spannungen innerhalb des Fischbestandes im Aquarium einzelne Fische belastet werden, die dann für ihr Aquarium vorhandene Erreger empfänglich werden und erkranken. Buntbarsche, die ihr Revier ständig gegen übermütige Eindringlinge verteidigen müssen, reiben sich genauso auf wie drei einsame Neonsalmler auf der Suche nach einem richtigen Schwarm. Es entsteht ein falsches Bild, wenn versucht würde, für Krankheitsfälle im Aquarium nur unzulängliche Lebensbedingungen verantwortlich zu machen. Es gibt natürlich viele Erreger, die die Gesundheit der Fische bedrohen und die durch Medikamente bekämpft werden müssen. Parasiten, wie Einzeller, Würmer, Krebstiere und Pilze, befallen Haut, Kiemen und innere Organe, hier vornehmlich den Darm, und können gefährliche Krankheiten auslösen. Aufmerksame Aquarianer bemerken bei ihren Fischen schnell zahlreiche Symptome, wie Freßunlust, auffälliges Verhalten, Verfärbungen, die auf eine Erkrankung hinweisen. Solche Veränderungen sind gute Hinweise auf ein schlechtes Befinden der Fische.
In den meisten Fällen sind sie aber zu unspezifisch, um Schlüsse auf die Krankheitsursache zuzulassen und als Grundlage einer medikamentellen Behandlung zu dienen. Deshalb sollte bei dem Verdacht auf eine Infektionskrankheit immer versucht werden, den Erreger zu diagnostizieren. Nur wenige Parasiten lassen sich mit dem bloßen Auge einwandfrei erkennen. Zur exakten Diagnose der meisten Erreger ist es erforderlich, Proben der befallenen Organe gründlich zu untersuchen. Neben der notwendigen Ausrüstung, wie einem leistungsfähigen Mikroskop, braucht der Untersuchende ein gewisses Ma? an Erfahrung zum Erkennen und richtigen Einschätzen der Gefährlichkeit der Erreger. Trotz großer Erfahrung übersteigt dies vielfach die Möglichkeiten der Aquarianer, und leider sind die meisten Tierärzte auf diesem Gebiet nicht geschult. Sie können Fischhaltern mit erkrankten Fischen also nicht unmittelbar helfen, sind aber in der Lage, den Aquarianer an erfahrene Kollegen oder spezielle Untersuchungslabore weiterzuvermitteln.
In welcher Weise kann ein Biologe oder Tierarzt Aquarianern mit erkrankten Fischen helfen?
Aus dem bisher Gesagten wird ersichtlich, da? bei Krankheitsfälen im Aquarium oft zahlreiche Faktoren zusammenspielen: Nicht optimales Futter, belastetes Wasser, Unruhe durch neu erworbene Fische oder Umbauten im Aquarium haben die Widerstandskraft der Fische so weit geschwächt, da? sie Krankheitserreger nicht mehr wirkungsvoll kontrollieren können. Da solche Faktorenkrankheiten bei Fischen häufig vermutet werden müssen, ist eine kritische Überprüfung der Lebensbedingungen im Aquarium Grundlage einer sinnvollen Krankheitsdiagnostik.
In unserem eingangs beschriebenen Fall würde der Untersuchende zunächst zusammen mit dem Aquarianer eine Bestandsaufnahme der Lebensbedingungen im Aquarium machen: Gefragt sind präzise Angaben zu Besatz und Management des Aquariums (Futter, Art der Fütterung, die Wasserparameter, in Zweifelsfällen durch Wasseruntersuchungen untermauert, Art der Filterung etc.), zum bisherigen Krankheitsverlauf (Symptome, Verluste) und zu bereits vorgenommenen Maßnahmen (Wasserwechsel, Quarantäne, Behandlungen). Dann wird eine weiterführende Untersuchung auf Infektionserreger vorgenommen, für die erkrankte, lebende Fische dem Untersuchungslabor vorgestellt werden müssen. Abgesehen von sehr kleinen Arten oder Jungfischen ist das Gewinnen von Haut- und Kiemenproben zum mikroskopischen Nachweis von Krankheitserregern am lebenden Fisch möglich.
Durch Krankheit, Herausfangen aus dem Aquarium und Transport besonders gestresste Tiere können vor der Untersuchung mit einem Narkotikum ruhiggestellt werden. Dann lassen sich selbst größere und wehrhafte Tiere ohne Stress handhaben, und sie tolerieren beispielsweise auch Magen- oder Darmspülungen zur Gewinnung von Proben, die auf Darmparasiten untersucht werden. Zur Narkose werden Fische in Aquarienwasser mit Betäubungsmittel (zum Beispiel MS 222) bis zum Ausbleiben der Bewegungskoordination gebracht und nach den wenigen Augenblicken, die ein erfahrener Untersuchender zur Probengewinnung benötigt, in ein Aufwachbecken mit frischem Wasser zurückgesetzt. Um dem erkrankten Fisch die Anpassung an fremde Wasserparameter zu ersparen, wird sowohl für die Narkose als auch für das Aufwachbecken Wasser aus dem Herkunftsbecken verwendet.
In der mikroskopischen Betrachtung der Präparate wird großes Augenmerk auf das Auffinden von Fischparasiten und auf krankhafte Veränderungen der Gewebestruktur gerichtet. Bei sehr kleinen Fischen, bei Jungfischen oder bei Verdacht des Befalls der inneren Organe mit Krankheitserregern kann ein Töten der Fische zum Zwecke der Befunderhebung unumgänglich sein. Aufgrund einer so erhobenen Diagnose kann dann oft ein drohendes Ausweiten der Erkrankung auf weitere Fische des Bestands verhindert werden. Wie bereits erwähnt, sind zahlreiche Krankheitserreger nicht von vornherein als hochgradig pathogen einzustufen. Erregerbedingte Seuchenzüge sind unter Fischbeständen in der Natur äußerst selten, obwohl davon ausgegangen werden kann, da? die meisten Fische in Seen und Flüssen von Parasiten oder Bakterien befallen sind. Erst unter ungünstigen Haltungsbedingungen kann es aufgrund hoher Fischdichte oder beeinträchtigter Krankheitsabwehr zur starken Vermehrung der Erreger und damit zur Bedrohung der Fischgesundheit kommen.
Im Aquarium tolerieren Fische beispielsweise über lange Zeit einen geringen Parasitenbefall; durch Überlastung des Filters oder Zukauf von weiteren Fischen kann dieses Gleichgewicht empfindlich gestört werden. In der Folge erkranken entweder die Neu- Ankömmlinge oder einige Alteingesessene an den Erregern. Insbesondere von Bakterien hervorgerufene Krankheiten werden durch ungünstige Haltungsbedingungen begünstigt.
Fische erkranken dann an im Aquarienwasser weit verbreiteten Bakterien der Gattung Aeromonus oder an Mycobakterien (Erreger der Fischtuberkulose), die nur für bereits geschwächte Tiere eine Bedrohung darstellen. Um in solchen Fällen zu einer dauerhaften Gesundung der Fische zu gelangen, reicht eine medikamentelle Therapie nicht aus. Behandelte Fische sind weiterhin krank, und in diesen Fällen greifen viele Aquarianer zu weiteren Medikamenten mit dem Ergebnis, da? die Fische zusätzlich noch an einer Medikamentenvergiftung leiden. Um die Gesundheit der Fische wiederherzustellen, wäre eine Kombination von gezielten Therapiemaßnahmen gegen den Infektionserreger und einer Haltungsberatung und Verbesserung nötig. Die Suche und das Abstellen der die Infektion begünstigenden Faktoren sind ebenso wichtig wie die medikamentelle Behandlung der Infektionserreger.
Und hierbei sollten und können im Interesse der Gesundheit der Fische Aquarianer und Fischparasitologe zusammenarbeiten.